Der Kilometerstand gehört zu den wichtigsten Angaben beim Kauf eines Gebrauchtwagens. Er beeinflusst den Fahrzeugwert und liefert Hinweise auf Nutzung, Verschleiß und Wartungsbedarf. Wird der Kilometerstand jedoch manipuliert, kann ein Fahrzeug jünger oder weniger genutzt erscheinen, als es tatsächlich ist.
Bei grenzüberschreitend gehandelten Fahrzeugen entsteht eine zusätzliche Herausforderung: Frühere Kilometerstände können in einem anderen Staat dokumentiert worden sein als demjenigen, in dem das Fahrzeug später verkauft oder zugelassen wird.
Damit wird Tachomanipulation zu einem europäischen Thema – und der Austausch vorhandener Registerinformationen gewinnt an Bedeutung.
Warum Kilometerstandmanipulation besonders problematisch ist
Ein niedriger Kilometerstand kann den Marktwert eines Gebrauchtwagens erheblich beeinflussen. Gleichzeitig orientieren sich Käufer häufig an der angezeigten Laufleistung, wenn sie den Zustand und die verbleibende Nutzungsdauer eines Fahrzeugs einschätzen.
Wird beispielsweise ein Fahrzeug mit tatsächlich hoher Laufleistung auf einen deutlich niedrigeren Kilometerstand zurückgesetzt, entsteht eine falsche Fahrzeughistorie.
Dabei verändert die Manipulation am Fahrzeug jedoch nicht automatisch alle Informationen, die zuvor über dieses Fahrzeug gespeichert wurden.
Genau hier können Register- und Prüfdaten eine wichtige Rolle spielen.
Kilometerstände werden bereits an verschiedenen Stellen erfasst
Während des Fahrzeuglebens können Kilometerstände bei unterschiedlichen Vorgängen dokumentiert werden.
Ein besonders wichtiger Bereich sind die periodischen technischen Fahrzeuguntersuchungen. Die EU-Richtlinie 2014/45/EU sieht den Kilometerstand als Bestandteil des Prüfberichts vor, sofern ein Kilometerzähler vorhanden ist. Die Richtlinie führt zudem einen offensichtlich manipulierten Kilometerzähler, der die tatsächlich zurückgelegte Strecke reduzieren oder falsch darstellen soll, als möglichen Mangel bei der technischen Untersuchung auf.
Auch der EUCARIS-Dienst für Periodic Technical Inspection (PTI) sieht den Kilometerstand als Datenelement vor. Neben der Laufleistung können beispielsweise VIN, Fahrzeugkategorie, Prüfdatum, festgestellte Mängel und das Ergebnis der technischen Untersuchung Bestandteil der Informationen sein. EUCARIS
Dadurch können im Laufe eines Fahrzeuglebens mehrere dokumentierte Kilometerstände entstehen.
Entscheidend ist nicht nur ein Wert, sondern die Entwicklung
Ein einzelner Kilometerstand sagt nur begrenzt etwas über die Historie eines Fahrzeugs aus.
Interessanter wird die Information, wenn mehrere Werte zeitlich miteinander verglichen werden können.
Ein vereinfachtes Beispiel:
2022: 86.000 km
2024: 132.000 km
2026: 79.000 km
Der letzte Wert wäre offensichtlich erklärungsbedürftig.
Eine solche Abweichung beweist allerdings noch nicht automatisch, dass eine vorsätzliche Manipulation stattgefunden hat. Fehler bei der Datenerfassung, besondere technische Vorgänge oder andere Ursachen müssen ebenfalls berücksichtigt und gegebenenfalls geprüft werden.
Der entscheidende Vorteil einer Kilometerhistorie liegt deshalb darin, Auffälligkeiten sichtbar zu machen und einen konkreten Anlass für weitere Prüfungen zu liefern.
Beim Fahrzeugexport können Informationslücken entstehen
Die besondere europäische Dimension zeigt sich beim grenzüberschreitenden Gebrauchtwagenhandel.
Ein Fahrzeug kann beispielsweise mehrere Jahre in den Niederlanden zugelassen sein, anschließend nach Deutschland exportiert und einige Jahre später in einem weiteren europäischen Staat verkauft werden.
Während seiner Nutzung können in verschiedenen Staaten Informationen entstanden sein.
Das Kennzeichen ändert sich möglicherweise mehrfach. Die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (VIN) bleibt dagegen das zentrale Merkmal zur Identifizierung des Fahrzeugs.
Sind frühere Kilometerstände nur in einem nationalen System vorhanden und im neuen Zulassungsstaat nicht verfügbar, kann ein Teil der Fahrzeughistorie bei einer rein nationalen Betrachtung fehlen.
Nationale Datenbestände miteinander verbinden
Hier liegt eine wichtige Aufgabe des grenzüberschreitenden Informationsaustauschs.
EUCARIS unterstützt verschiedene Dienste zum Austausch von Fahrzeuginformationen. Dazu gehören ausdrücklich sowohl Mileage als auch PTI. EUCARIS
Das Prinzip ist dabei besonders interessant: Für einen europäischen Informationsaustausch müssen nicht zwangsläufig sämtliche Fahrzeugdaten in einer einzigen zentralen Datenbank gespeichert werden.
Stattdessen können Informationen aus nationalen Datenbeständen über definierte technische Verfahren ausgetauscht werden.
Dadurch kann eine Information, die bereits in einem Staat dokumentiert wurde, auch bei einem grenzüberschreitenden Vorgang von Bedeutung bleiben.
Die VIN verbindet die Fahrzeughistorie
Bei diesem Informationsaustausch kommt der VIN eine zentrale Bedeutung zu.
Kennzeichen sind für eine langfristige Fahrzeughistorie nur eingeschränkt geeignet. Ein Fahrzeug kann nach einem Export ein völlig neues Kennzeichen erhalten.
Die VIN ermöglicht dagegen die eindeutige Zuordnung zum Fahrzeug.
Auch beim EUCARIS-PTI-Dienst ist eine Anfrage anhand der VIN vorgesehen. Der zurückgelieferte Prüfbericht kann unter anderem den bei der Untersuchung dokumentierten Kilometerstand enthalten. EUCARIS
Damit lässt sich eine technische Information aus einer früheren Phase des Fahrzeuglebens weiterhin dem konkreten Fahrzeug zuordnen.
Kilometerhistorien können Auffälligkeiten sichtbar machen
Wie wertvoll mehrere Datenpunkte sein können, zeigt auch die Struktur anderer EUCARIS-Dienste.
Beim VAT-Datenaustausch sind beispielsweise eine Fahrzeug-Kilometerhistorie sowie einzelne Kilometeraufzeichnungen mit Erfassungsdatum, Kilometerstand, Einheit, erfassender Organisation und Erfassungsstaat als mögliche Datenelemente vorgesehen. EUCARIS
Dadurch wird aus einem isolierten Wert eine zeitliche Historie.
Eine solche Datenstruktur ermöglicht grundsätzlich eine deutlich bessere Plausibilitätsprüfung als die Betrachtung des aktuell im Fahrzeug angezeigten Kilometerstands allein.
Auch bestehende Fahrzeuginformationen können Laufleistungsdaten enthalten
Kilometerstände sind nicht ausschließlich Bestandteil spezieller Mileage- oder PTI-Anwendungen.
Auch bei den von EUCARIS dokumentierten Datenelementen für AVI/VHInfo (Actual Vehicle Information) ist „Mileage“ als mögliches Fahrzeugdatenelement aufgeführt. Dieser Dienst dient dem Austausch von Fahrzeuginformationen für Wiederzulassungs- oder Vollzugszwecke. EUCARIS
Das verdeutlicht, dass Laufleistungsinformationen in unterschiedlichen administrativen Zusammenhängen relevant sein können.
Eine Abweichung ist zunächst ein Prüfsignal
Bei der Bewertung von Kilometerständen ist allerdings Vorsicht erforderlich.
Ein unplausibler Verlauf sollte nicht automatisch mit einer vorsätzlichen Tachomanipulation gleichgesetzt werden.
Mögliche Ursachen für Abweichungen können beispielsweise Erfassungsfehler, unterschiedliche Maßeinheiten, fehlerhafte Datenübertragungen oder technische Änderungen am Fahrzeug sein.
Deshalb sollte ein auffälliger Kilometerstand zunächst als Prüfsignal betrachtet werden.
Je mehr verlässliche Datenpunkte mit eindeutigem Datum und eindeutiger Fahrzeugzuordnung vorhanden sind, desto besser lässt sich anschließend beurteilen, ob eine weitere Untersuchung erforderlich ist.
Datenqualität ist genauso wichtig wie Datenverfügbarkeit
Eine Vernetzung nationaler Datenbestände ist nur dann wirklich hilfreich, wenn die zugrunde liegenden Informationen zuverlässig sind.
Entscheidend sind deshalb nicht nur möglichst viele Kilometerstände, sondern insbesondere:
- eine eindeutige Zuordnung über die VIN,
- ein nachvollziehbares Erfassungsdatum,
- eine eindeutig angegebene Maßeinheit,
- die Herkunft beziehungsweise Quelle des Datensatzes,
- eine möglichst zuverlässige Datenerfassung.
Ein falsch erfasster Kilometerstand wird schließlich nicht dadurch zuverlässiger, dass er elektronisch zwischen mehreren Staaten ausgetauscht wird.
Datenqualität und Datenaustausch müssen deshalb gemeinsam betrachtet werden.
Vorteile für den europäischen Gebrauchtwagenmarkt
Ein besserer Informationsaustausch kann nicht nur Behörden unterstützen.
Langfristig können nachvollziehbare Fahrzeughistorien auch zu mehr Transparenz auf dem europäischen Gebrauchtwagenmarkt beitragen. Besonders bei Importfahrzeugen ist die bisherige Laufleistung für Käufer häufig schwerer nachzuvollziehen als bei Fahrzeugen, deren gesamte Geschichte sich innerhalb eines einzigen Staates abgespielt hat.
Je besser vorhandene Informationen über Landesgrenzen hinweg berücksichtigt werden können, desto schwieriger wird es, einen manipulierten Kilometerstand allein durch den Export eines Fahrzeugs von seiner bisherigen Historie zu trennen.
Datenschutz und Berechtigungen bleiben wichtig
Die Vernetzung von Fahrzeugdaten bedeutet dabei nicht, dass sämtliche Informationen öffentlich zugänglich sein sollten.
EUCARIS unterscheidet verschiedene Dienste und Datenelemente; die Mitgliedstaaten dokumentieren dabei auch die Einordnung der ausgetauschten Informationen im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten. EUCARIS
Welche Stelle welche Informationen abrufen darf und zu welchem Zweck ein Datenaustausch erfolgen kann, richtet sich daher nach dem jeweiligen Dienst und seiner rechtlichen Grundlage.
Die Bekämpfung von Manipulation und der Schutz von Daten sind somit keine Gegensätze. Ein sinnvoller Informationsaustausch benötigt klare Berechtigungen, definierte Zwecke und sichere technische Verfahren.